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15.09.2026

Ist das neue deutsche Christentum gefährlich für Juden?

Darmstadt

Der AfD-Vordenker Hans-Thomas Tillschneider und andere weit rechts stehende Christen wünschen sich ein "deutsches Christentum". Daniel Neumann, Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Hessen, ist alarmiert.


Es gibt Formulierungen, die für Juden in Deutschland ein Warnsignal beinhalten. Etwa, wenn vom sogenannten "Schuldkult" die Rede ist. Oder von "Nationalmasochismus". Aber auch, wenn der sogenannte jüdische Gott der Rache mit dem christlichen Gott der Liebe kontrastiert wird. Oder die angebliche jüdische Blindheit der christlichen Erkenntnis gegenübergestellt wird.

In all diesen Fällen ahnen wir, wes Geistes Kind die Urheber sind. Dass diese Formulierungen instrumentalisiert werden, um nationalistische, revisionistische und chauvinistische Ideen zu transportieren, christliche Überlegenheitsfantasien zu formulieren und die jüdische Mutterreligion abzuwerten.

Und dann gibt es Formulierungen, die nur harmlos klingen. Etwa der Begriff "deutsches Christentum". Nicht, weil jeder, der diese beiden Worte kombiniert, automatisch ein Nationalsozialist wäre. Und auch nicht, weil Deutsche nicht über ihre christliche Geschichte, ihre kulturellen Traditionen oder die religiösen Grundlagen Europas sprechen dürften.

Ganz im Gegenteil: Eine Gesellschaft, die nicht weiß, wo sie herkommt, wird kaum wissen, wohin sie gehen möchte. Aber zwischen der Feststellung, dass Deutschland über Jahrhunderte christlich geprägt wurde, und der Idee eines spezifisch "deutschen Christentums" liegt ein himmelweiter Unterschied.

Der AfD-Politiker und Vordenker Hans-Thomas Tillschneider, der nach dem jüngsten Wahltriumph seiner Partei in Sachsen-Anhalt gute Chancen hat, das Bundesland und seine Bildungslandschaft mit ministerieller Macht zu prägen, hat ziemlich deutlich beschrieben, was er darunter versteht.

Für Europäer und Deutsche kämen, so argumentiert er, letztlich nur der christliche Gott und die christliche Tradition in Betracht. Der Islam sei seinem Wesen nach dem europäisch-griechischen Wesen fremd. So weit, so erwartbar. Da die evangelische und die katholische Kirche seiner Auffassung nach allerdings weitgehend dem gesellschaftlichen Zeitgeist verfallen seien, plädiert er für eine neue "deutsche Orthodoxie", für eine Verbindung von Deutschtum und Christentum, die nationale Identität stärken und zugleich helfen soll, das zu überwinden, was er "Schuldkult" und "Nationalmasochismus" nennt.

Nun betont Tillschneider ausdrücklich, dass er damit nicht die "Deutschen Christen" der nationalsozialistischen Zeit wiederbeleben wolle. Und das sollte man ihm tatsächlich nicht unterstellen. Denn es wäre unredlich, jeden Begriff, der das Adjektiv "deutsch" mit dem Christentum verbindet, reflexartig in der Nazizeit zu verorten.

Warum ein "deutsches Christentum" problematisch ist

Das eigentliche Problem beginnt dort, wo eine universelle Religion nicht mehr nur eine Nation prägt, sondern wo die Nation darüber entscheidet, dass der universellen Religion nationale Grenzen gesetzt werden. Wo das "Volk" den uneingeschränkten Glauben also einschränkt, eingrenzt und nationalisiert, während es andere ausgrenzt. Aus einem Glauben wird damit eine Identitätsmarke, aus Religion ein Zugehörigkeitstest. Und irgendwann stellt sich zwangsläufig die Frage: Wer gehört zu diesem christlich definierten Deutschland – und vor allem: wer nicht?

Für Juden ist das keine theoretische Frage. Denn wir sind keine Fußnoten deutscher Geschichte. Wir sind nicht irgendwann im Zuge der Globalisierung dazugekommen. Jüdisches Leben ist seit über 1.700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschland dokumentiert. Juden wurzelten schon in diesem Mutterboden, bevor die eigentliche Geschichte Deutschlands begann.

Juden haben dieses Land mitgeprägt: seine Wissenschaft, seine Literatur, seine Musik, seine Wirtschaft, seine Philosophie, seine Rechtskultur, seine Städte. Sie waren Deutsche und Juden, Hessen und Juden, Bayern und Juden, Preußen und Juden. Und manchmal waren sie ein gehöriges Maß deutscher als diejenigen, die ihnen später erklärten, sie gehörten nicht dazu.

Wer heute vom "christlichen Abendland" spricht und dabei die jüdische Geschichte Europas allenfalls als Randnotiz behandelt, erzählt deshalb nicht einfach nur eine unvollständige Geschichte: Er konstruiert eine Erzählung, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Denn das Christentum lässt sich ohne das Judentum überhaupt nicht erzählen. Das Judentum ist die Mutter, die das Christentum überhaupt erst geboren hat.

Fakt ist: Das Christentum ist die erfolgreichste Sekte des Judentums! Jesus war Jude. Seine Jünger waren Juden. Die hebräische Bibel ist Teil der christlichen Bibel. Die Zehn Gebote, die Schöpfungserzählung, Abraham, Mose, die Propheten, die Vorstellung vom Menschen als Ebenbild Gottes – all das ist nicht vom christlichen Himmel gefallen. Es kam nicht aus irgendeinem germanischen Urwald. Nein: Es kam aus Jerusalem. Zion. Der Herzkammer des Judentums. Seinem Gott, seinen Schriften, seinem Denken und seinen Werten.

Gerechtigkeit ist universal. Gott auch

Der frühere Oberrabbiner von Großbritannien Jonathan Sacks (1948–2020) war ein leidenschaftlicher Verteidiger von Religion, Nation, Gemeinschaft und kultureller Besonderheit. Und er hielt nichts von einer Welt, in der alle Menschen ihre Besonderheiten ablegen und zu kulturellen Neutren werden. Für ihn durfte ein Brite britisch sein, ein Jude jüdisch, ein Christ christlich.

Eine seiner tiefgreifendsten Überzeugungen lautete, dass Gott universal sei, Religionen aber partikular. Dass der eine Gott der Gott aller Menschen sei, das Judentum aber nicht die Religion aller Menschen. Was wiederum bedeutet, dass der universale Gott zu unterschiedlichen Gemeinschaften in deren besonderer Sprache, Geschichte und Tradition spricht. Und diese unterschiedliche Wege entwickeln, um Gott näher zu kommen. Mit ihm zu leben. Oder mit ihm zu ringen. Wie "Israel", was übersetzt so viel bedeutet wie: "der mit Gott ringt".

Daraus folgt gerade das Gegenteil eines religiösen Nationalismus. Denn die eigene Besonderheit, der eigene Weg, der eigene Glaube berechtigt niemals dazu, den anderen aus der gemeinsamen Menschlichkeit herauszudefinieren. Rabbiner Sacks machte dies anhand des Unterschieds von Liebe und Gerechtigkeit deutlich. Genauer: der Partikularität der Liebe und der Universalität der Gerechtigkeit. Das heißt: Ich darf meine Familie besonders lieben. Mehr als andere. Mein Volk. Meine Tradition. Meine Religion. Mein Land. Niemand muss so tun, als wären uns alle Menschen gleich nah.

Doch die Gerechtigkeit endet nicht an der Grenze meiner Gruppe. Sie überwindet diese Grenzen. Und die Würde des anderen hängt nicht davon ab, ob er Teil meiner Gruppe ist. Ob er aussieht wie ich, glaubt wie ich, spricht wie ich oder zu meiner Nation gehört.

Und genau darin liegt der wesentliche Unterschied zu Tillschneiders "deutschem Christentum". Denn ein selbstbewusstes christlich geprägtes Deutschland ist nicht das Problem. Das Problem entsteht dort, wo aus dieser Prägung eine unüberwindbare Wesensdefinition wird. Und wo ausgesprochen oder unausgesprochen mitschwingt, dass Deutschland eigentlich denen gehört, die zu diesem kulturell-religiösen Fundament passen.

Das goldene Kalb soll eine bestimmte Gruppe vereinen

Denn dadurch verändert sich etwas Grundsätzliches: Die einst selbstverständliche Zugehörigkeit wird zu "geduldeter Anwesenheit". Aus Gleichberechtigung wird Gastfreundschaft. Und Gäste sollten wissen, dass sie sich anständig zu benehmen haben. Sonst werden sie irgendwann des Hauses verwiesen. Und erhalten ein dauerhaftes Hausverbot.

Es ist etwas völlig anderes, ob der eigene Glaube dazu dient, Verantwortung für sein Land und seine Mitmenschen zu übernehmen. Oder ob die Religion der Politik nur dazu dient, dem Land und den Menschen eine spezifische Identität zuzuweisen, die für manche gilt und für andere nicht. Im ersten Fall begrenzt die Religion die Politik, in dem sie Eigenverantwortung erzeugt. Im zweiten Fall wird Religion als politisches Werkzeug missbraucht.

Die Bibel kennt dafür ein drastisches Bild: das Goldene Kalb. Die Menschen schaffen sich etwas, das ihren Bedürfnissen entspricht, und erklären es anschließend für heilig. Und genau dieses Risiko beinhaltet jeder Versuch, ein nationales Christentum zu schaffen. Denn plötzlich dient Gott nicht mehr dazu, Menschen zu irritieren, sie herauszufordern oder ihnen lautstark zu widersprechen: Er dient als Bestätigung für das eigene Weltbild, die eigene Nation, ihre Kultur, ihre politischen Vorstellungen und irgendwann auch ihrer Feindbilder.

Die jüdische Tradition lehrt, welche Risiken das birgt. Die hebräische Bibel ist geradezu besessen davon, Macht zu begrenzen. Könige werden kritisiert. Anführer werden konfrontiert. Mehrheiten irren. Propheten stellen sich gegen ihre eigene Gesellschaft. Und zentrale Protagonisten widersprechen Gott, hinterfragen seine Entscheidungen und fordern ihn heraus. Abraham, Mose, Jeremia. Und immer wieder taucht der Fremde auf. Nicht als romantische Figur, sondern als Mensch, dessen grundlegende Würde nicht davon abhängt, ob er zu meinem Stamm gehört.

Religion ist dazu da, die Macht der Nation zu begrenzen und der Vorstellung, dass Macht Recht schafft, einen Riegel vorzuschieben. Menschenwürde beschränkt sich nicht auf das eigene Volk, die eigene Gruppe, die eigene Glaubensgemeinschaft. Auch der Fremde besitzt eine unveräußerliche Würde. Und diese Würde steht nicht im Widerspruch zu der Liebe, die man für das eigene Volk empfindet.

Keine Frage: Eine Demokratie muss über Zuwanderung, Integration, kulturelle Konflikte und religiösen Extremismus sprechen können, ohne dass diejenigen, die sich an derartigen Debatten beteiligen, sofort unter Generalverdacht stehen, rechts, islamophob, rassistisch oder menschenfeindlich zu sein. Und ein freiheitlicher Staat darf und muss sich gegen diejenigen verteidigen, die seine Grundlagen bekämpfen, und mit Entschlossenheit gegen Menschen und Ideologien vorgehen, die die Abschaffung der freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratie anstreben.

Aber das ist etwas völlig anderes als die "deutsch-christliche" Vorstellung, aufgrund derer bestimmte Bürger aufgrund ihres Glaubens oder ihrer kulturellen Herkunft ihrem Wesen nach weniger zugehörig sind. Schließlich leben wir – Gott sei Dank – noch immer in einem Rechtsstaat. Und dieser beurteilt Menschen nach ihrem Verhalten und ihrem Verhältnis zur freiheitlichen Ordnung und nicht wie der identitäre Nationalismus nach ihrer Gruppenzugehörigkeit.

Die Kirchen haben eine Funktion

Hier kommen die Kirchen ins Spiel. Weil sie als institutionalisierte Vertreter des Christentums und elementarer Teil der Zivilgesellschaft daran mitwirken, die entscheidenden Grenzen zu ziehen und zu verteidigen. Zugegeben: Die katholische Kirche hat ungewöhnlich deutlich erklärt, dass völkischer Nationalismus und Christentum unvereinbar seien.

Und die evangelische Kirche hat sich klar gegen ethnisch definierte Vorstellungen von Volk, gegen Menschenfeindlichkeit und die Ausgrenzung von Minderheiten positioniert. Das verdient Anerkennung. Aber vielleicht reicht es nicht.

Wenn das Christentum selbst politisch vereinnahmt wird, müssen die Kirchen theologisch widersprechen. Sie müssen erklären, warum der christliche Gott nicht deutsch ist. Warum Nächstenliebe keine Staatsangehörigkeit besitzt. Warum der Mensch vor Gott zuallererst Mensch ist, bevor er Deutscher, Franzose, Jude, Christ oder Muslim ist. Und vor allem: warum das Christentum ohne seine jüdischen Wurzeln überhaupt nicht verstanden werden kann.

Denn es ist und bleibt das Christentum, das den Judenhass generiert, institutionalisiert und tradiert hat. Über beinahe 2000 Jahre hinweg. Es sind die Christen, die besser als andere anderen wissen müssten, was geschieht, wenn man das Judentum als Gegner begreift statt als einen Teil christlicher DNA. Und wir Juden wissen aus leidvoller Erfahrung, wo es endet, wenn jüdische Wurzeln verleugnet werden.

Deshalb: Wir Juden wollen in Deutschland nicht als Gäste christlicher Großzügigkeit leben. Wir sind Bürger dieses Landes. Wir haben die moralischen Fundamente des Westens geprägt. Wir haben der Welt so revolutionäre Ideen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, individuelle und kollektive Verantwortung, den Schutz von Benachteiligten, die Idee der Ebenbildlichkeit Gottes und die Begrenzung der Macht durch Recht geschenkt. Wir sind unauflöslicher Teil seiner Geschichte. Wir sind Teil seiner Gegenwart. Und wir werden Teil seiner Zukunft sein.

Und wir reagieren aus verständlichen Gründen besonders empfindlich auf politische Vorstellungen, die eine Gesellschaft primär nach Herkunft, Religion und kultureller Homogenität sortieren. Nicht, weil wir überall das Jahr 1933 wittern. Sondern weil jüdische Geschichte ein ziemlich gutes Sensorium dafür geschaffen hat, wie schnell sich die Bedeutung von Zugehörigkeit verändern kann.

Deshalb: Man darf sein Land lieben. Man darf seine Kultur verteidigen. Man darf seine Tradition bewahren. Man darf bedauern, dass christliches Wissen verloren geht. Man darf Kirchen füllen wollen, statt sie abzuwickeln. Man darf über nationale Identität sprechen, über Heimat und Herkunft, über Grenzen und darüber, was Identität bedeutet und was eine Gesellschaft zusammenhält. Aber sobald man Gott einen deutschen Pass ausstellt und das Christentum arisiert, ist der Weg in den Abgrund vorgezeichnet. Und zwar nicht nur für Juden. Sondern für alle, die dann nicht mehr dazugehören.