Jüdische Gemeinde Darmstadt kündigt nach Anschlag Kampf gegen Hass an
Trauer, Solidarität, Kampf. Das sind die Begriffe, welche die vergangenen Stunden für Juden und Jüdinnen sowie deren Unterstützerkreis in Darmstadt geprägt haben. Nach dem antisemitischen Anschlag in Sydney haben sie Zeichen gesetzt und deutliche Worte gefunden – so wie Daniel Neumann, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Darmstadt: „Wir werden beginnen, zu kämpfen.“
„Der Punkt ist erreicht, an dem es reicht“, heißt es bei der Jüdischen Gemeinde Darmstadt
Für Neumann ist der bewaffnete Angriff auf das Chanukka-Fest am Bondi Beach in Sydney die „Ausgeburt des Slogans ‚Globalize the intifada‘“, der seit zwei Jahren auf den Straßen kursiere. „Der Punkt ist erreicht, an dem es reicht“, sagte er am Sonntag in seiner Rede zum Beginn des Chanukkafestes in der Darmstädter Centralstation. Nur mit Liebe und Freundlichkeit komme man anscheinend nicht weiter. „Wir werden den Kampf aufnehmen gegen alle, die meinen, uns, unsere Gesellschaft und die Art und Weise, wie wir leben, mit ihrem Hass töten zu können.“
Der Kampf werde nicht militärisch geführt und auch nicht mit Gewalt, sondern ideologisch, politisch und juristisch, kündigte Neumann an. Die Jüdische Gemeinde werde sichtbar ins Stadtbild eingreifen und sich ihren Platz zurückerobern. „Der Hass, der sich auf uns richtet, wird uns nicht brechen.“
Jüdinnen und Juden fühlen sich in Darmstadt zunehmend unsicher
„Keine Gleichgültigkeit mehr, nie wieder ist jetzt“, hieß es rund 24 Stunden später auf dem Luisenplatz in Darmstadt, wo die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) eine Solidaritätskundgebung zum Gedenken an die Anschlagsopfer in Sydney organisiert hatte. Sichtbar bleiben, nicht einschüchtern lassen, lautete das Motto, unter dem sich rund hundert Protestierende versammelt hatte. Einige von ihnen schwenkten Israel-Fahnen und unterschrieben einen gemeinsamen Chanukka-Brief an die Jüdische Gemeinde Darmstadt.
„Wir stehen hier mutig und auch ein bisschen trotzig“, sagte Debora Schabel aus dem Vorstand der DIG. Man werde nicht stillschweigend hinnehmen, dass sich Jüdinnen und Juden in Darmstadt zunehmend unsicher fühlen, bekräftigte sie Neumanns Worte.
Kritik an Einstellung der Hochschule Darmstadt wird laut
Man nehme auch nicht hin, „dass eine etablierte Institution wie die Hochschule Darmstadt Initiatorinnen von Hasskampagnen gegen Israel mehr zu schützen und zu tolerieren scheint als jüdische Studierende, die sich dem Kampf gegen Antisemitismus verschrieben haben“.
Anfang Dezember war bekannt geworden, dass sich eine Studentin, die einer propalästinensischen Gruppierung angehört, im Oktober auf ihrem Social Media-Account mit einer Waffenattrappe in einem Gebäude der Hochschule Darmstadt präsentiert hatte. Die Hochschule hatte die 23-Jährige in einem Gespräch dann ermahnt.
Der Judenhass wird immer lauter, sagt die Deutsch-Israelische Gesellschaft
„Das Entsetzen, der Schmerz, die Angst, sie hören nicht auf“, sagte DIG-Schriftführerin Anika Schmütz. Der Judenhass weltweit werde immer lauter, immer hemmungsloser. Trotzdem sei sie überzeugt, dass die Zukunft offen ist.
„Wir alle entscheiden mit unserem Handeln, wie sie wird“, rief sie den Anwesenden auf dem Luisenplatz zu. Handeln in Hoffnung bedeute, eine bessere Zukunft aktiv herbeizuführen.
16 Kerzen bei der Mahnwache vor der jüdischen Synagoge Darmstadt
Vor der Kundgebung auf dem Luisenplatz hatten sich rund 30 Menschen zu einer Mahnwache mit Kerzen zusammengefunden, die die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Darmstadt spontan vor der jüdischen Synagoge organisiert hatte. Im Gedenken an die Opfer des Terroranschlags in Sydney standen 16 Kerzen vor dem Zaun, zu denen die Menschen ihre eigenen dazu stellten.
„Das sind Lichter, die wir leider immer häufiger verwenden müssen, um für Frieden und gegen Antisemitismus einzustehen“, sagte Bernd Lülsdorf, katholischer Vorsitzender der Gesellschaft. Dann erklang „Maos Tzur“ – ein Lied, das am Chanukka-Fest nach dem Anzünden der Lichter gesungen wird.
Für Mittwoch hat die Deutsch-Israelische Gesellschaft Darmstadt eine weitere Mahnwache angekündigt. Um 15.30 Uhr wendet sie sich so gegen den antikolonialen Weihnachtsmarkt, den die Gruppe „Darmstadt4Palestine“ von 15 Uhr an auf dem Luisenplatz veranstalten will.