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27.03.2025

Gedenkveranstaltung: „Schuldgefühle sind mit Sicherheit die falsche Reaktion“

Darmstadt

Heimat- und Geschichtsverein Babenhausen denkt an Opfer und Befreiung durch US-Armee. Geschichtsstunde trifft auf grauenhafte Details und Stadtansichten.

Es ist ein Abend der krassen Kontraste. Sie sind gewollt. Sie sind durchdacht. Joachim Heizmann vom Heimat- und Geschichtsverein hat die Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung Babenhausens vom Nationalsozialismus durch den Vormarsch der amerikanischen Soldaten am 25. März 1945 konzipiert. Es ist ein Mix aus Geschichtsstunde von der Kaiserzeit bis 1945, grauenhaften Details und herrlichen Stadtansichten, die Heizmann am Dienstagabend den circa 140 Gästen, darunter Stadtverordnetenvorsteher Ingo Rohrwasser und Bürgermeister Dominik Stadler, in der neuen Mensa der Joachim-Schumann-Schule präsentiert. Dies macht der Journalist und Heimatforscher mit großformatig an eine Leinwand projizierten Bildern, Zitaten und Zeitungsausschnitten, sowie klaren Aussagen.

„Zufall?“, fragt Heizmann rhetorisch, als er ein Foto aus dem Jahr 1933 mit etlichen NSDAP-Wahlplakaten in Hergershausen mit einem Wahlplakat der rechtsextremen Partei „Der III. Weg“ aus dem Jahr 2024 in Brandenburg vergleicht. Beide zeigen Landwirte mit Heugabeln, die „ausmisten wollen“. 1933 seien es die Gegner der Nazis gewesen. „Nein“, beantwortet Heizmann die selbst gestellte Frage nach dem Zufall: „Dies ist eine bewusste Provokation, wie sie auch von anderen Neonazi-Parteien verwendet wird.“ In Babenhausen fiel das in den 1930er-Jahren auf besonders fruchtbaren Boden. Zwei Drittel stimmten 1933 für die NSDAP. Im Reichsdurchschnitt waren es 44 Prozent. „Babenhausen war damals eine Nazi-Hochburg“, konstatiert er.

Zeitungsausschnitte aus Babenhäuser Zeitung

Heizmann räumt auf mit der Aussage „Davon haben wir nichts gewusst ...“ und zeigt Zeitungsausschnitte aus der Babenhäuser Zeitung aus dem Jahr 1933, die das radikale Vorgehen der Nazi-Machthaber gegen Andersdenkende dokumentieren: ein Foto mit politischen Häftlingen im Konzentrationslager Oranienburg, die Meldung von 5400 „Schutzhäftlingen“ in Bayern und über den Babenhäuser Friedrich Wilhelm, der aufgrund der „Heimtücke-Verordnung“ zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde, weil er sich despektierlich über Reichskanzler Adolf Hitler äußerte.

Oder exemplarisch das Schicksal von Julius Seewald, einem angesehenen Geschäftsmann, der in seinem Geschäft am Marktplatz Haushaltswaren und Baustoffe verkaufte. Er ist aber weder evangelisch noch katholisch, er ist ein Babenhäuser mit jüdischem Glauben. Im April 1933 holen ihn Männer gewaltsam aus dem Haus, nehmen ihn in „Schutzhaft“. Seine Tochter Edith schildert später, dass der Marktplatz voller Menschen war und niemand half. Als Julius Seewald zurückkehrt, ist er gezeichnet von roher Gewalt. „Er wurde geschlagen, ihm wurden Fingernägel herausgerissen“, berichtet Heizmann von schrecklichen Details.

Opfer der sogenannten Euthanasie

Es ist Zeit, dass Gehörte sacken zu lassen, etwas durchzuatmen, meint Heizmann. Unterlegt von Filmmusik aus „Da Vinci Code“ zeigt er schöne Ansichten vom und aus dem Babenhäuser Schloss. Später wird er noch Innenansichten der Stadtkirche präsentieren. Im Kontrast dazu das Gedenken an die beiden Opfer der sogenannten Euthanasie aus Babenhausen, die in Hadamar ermordet werden, weil sie in der Nazi-Denkweise „lebensunwert“ sind. Eindrücklich die Schrecken und die psychischen Folgen der Bombenangriffe schildert Katharina Reining in ihrem im Projekt „Erinnerungen einer Stadt“ aufgezeichneten Zeitzeugen-Interview.

„Wenn Sie bei dem Vortrag mitunter Beklemmung empfunden haben, dann tun Sie gut daran. Wenn Sie Schuld empfunden haben sollten, dann war das mit Sicherheit die falsche Reaktion. Wenn bei Ihnen das Gefühl entstanden ist, Verantwortung zu tragen, um die Zukunft besser zu machen als es die Vergangenheit war, aus den Lehren der Vergangenheit zu lehren, dann ist das sicherlich die beste aller Reaktionen“, meint Daniel Neumann zum von Joachim Heizmann Gezeigten und Gehörten. Heizmann hat den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Darmstadt und Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden als Gastredner für den Abend gewinnen können. Heizmann erwähnt, dass nachweislich SA-Männer aus Babenhausen an der Zerstörung von Synagogen in Darmstadt beteiligt waren.

„Es gibt kaum etwas, was so beständig und so alt ist, wie der Hass auf Juden“, sagt Neumann. Es gebe auf jeden Fall schlechtere Orte für Juden als Deutschland, aber auch im Jahr 2025 sei es kein „unbelastetes Leben“. Er verweist auf unter Polizeischutz stehende Synagogen und schusssicheres Glas in jüdischen Einrichtungen. Das alles auch schon vor dem Terrorangriff der Hamas im Oktober 2023 auf Juden in Israel mit 1200 Toten und dem folgenden Gaza-Krieg. „Bei jeder Gedenkveranstaltung hören wir die ‚Nie wieders!‘“, sagt der Darmstädter. Nach dem Terrorangriff habe zwar die Politik entschieden reagiert und Solidarität bekundet, in der Zivilgesellschaft sei es aber erstaunlich still geblieben, hat er beobachtet.

Demokratie verteidigen

Wenn Antisemitismus von rechts komme, sei der Aufschrei groß. Wenn er aber von links kommet, aus der muslimischen Community oder der intellektuellen Mitte, bleibe es oft ruhig. Das seien Erfahrungswerte, die Juden in Deutschland machen. Der Kampf gegen Antisemitismus sei nicht nur eine historische Verpflichtung, „um die Wiederkehr dessen zu verhindern, was uns so ergriffen und beklommen macht“. Es sei vielmehr ein Aufstehen für den Kampf um die gesellschaftlichen Grundlagen wie die liberale Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit. „Es geht nicht um religiösen Artenschutz“, meint Neumann. Es gehe um viel mehr. Jede Gesellschaft, die Juden nicht verteidigt und im schlimmsten Fall ermordet habe, habe sich über kurz oder lang selbst zerstört. „Der Hass, der mit den Juden beginnt, endet nicht mit den Juden“, zitiert Neumann den britischen Rabbiner und Philosophen Jonathan Sacks. Deshalb müsse die Demokratie mit ihrer Rechtsstaatlichkeit verteidigt werden: „Wenn man das mit harten Bandagen und Leidenschaften tut, dann wird auch das ‚Nie wieder‘ zu mehr als nur einer leeren Floskel.“