11.03.2024

Die Tiere werden es uns danken: Daniel Neumann über das Judentum, dass keine fleischlose Religion ist – die pflanzliche Ernährung aber ein Ideal

Darmstadt

Der Vegetarismus ist auf dem Vormarsch. Das wird mit einem Blick auf das Sortiment eines beliebigen Supermarktes klar. Und spätestens seit Fastfood-Tempel wie »Burger King« ihr Angebot um fleischlose Alternativen erweitert haben, muss jedem Verfechter der traditionellen Frikadelle klar werden, was die Stunde geschlagen hat: Die fleischlose Revolution hat begonnen.

Doch was sagt das Judentum dazu? Stehen wir dieser Entwicklung ablehnend gegenüber oder ist der Vegetarismus, also die fleischlose Ernährung, gar ein jüdisches Ideal?

Erst einmal ist eines offensichtlich: Das Judentum ist keine fleischlose Religion. Weder im übertragenen noch im tatsächlichen Sinn. Nicht nur erlaubte der Ewige der Menschheit nach der Sintflut ausdrücklich den Genuss von Tierfleisch, sondern auch die Riten im Tempel von Jerusalem sahen regelmäßige Tieropfer vor, die anschließend oft verspeist wurden. Außerdem: Wer denkt bei klassischen jüdischen Gerichten nicht sofort an das jüdische Penicillin, also die Hühnersuppe? Oder den fleischigen Tscholent, der wohlduftend den halben Schabbat vor sich hinköchelt?

Gʼtt scheint ein Fleisch-Fan zu sein. Aber ist das wirklich so? Wohl kaum.

Beim Blick über den fleischbeladenen Tellerrand hinaus entsteht ein gänzlich anderes Bild. Dann nämlich wird deutlich, dass die gʼttliche Idealvorstellung der Vegetarismus ist. Gerade die fleischlose Ernährung, also jene, die auf das Töten von Tieren zur Nahrungsaufnahme verzichtet, war die gʼttliche Wunschvorstellung, die der Ewige Adam und Eva als Archetypen menschlicher Existenz mit auf den Weg gab.

So heißt es im 1. Buch Mose 1,29: »Und Gʼtt sprach: Siehe, ich gebe euch alles samentragende Kraut, das auf der ganzen Erdoberfläche, und jeglichen Baum, an welchem samentragende Baumfrucht ist, sie seien euer zum Essen.« In seinen Kindertagen war der Mensch also dazu auserkoren, sich fleischlos zu ernähren. In einer Welt, in der Mensch und Tier ein friedliches und harmonisches Miteinander bildeten.

Lange hat diese Vision leider nicht überlebt, bevor der Mensch dem Ganzen einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht hat und die raue Wirklichkeit Einzug hielt.

In der Folge und nach der Sintflut wurde der Fleischgenuss zwar erlaubt, doch das heißt ja nicht automatisch, dass das zugrunde liegende Ideal aufgegeben wurde. Es zeigt allerdings, dass auch der Ewige höchstpersönlich dann und wann Kompromisse machen muss. Etwa, wenn sich die Dinge anders entwickeln als erwartet. Denn Gʼtt hat es mit Menschen zu tun. Und die haben im Gegensatz zu Engeln, Robotern oder Tieren einen freien Willen. Und verhalten sich meist gar nicht so wie erwartet, erhofft oder erwünscht.

Das bedeutet, dass die Entwicklung des Menschen, seine Lust nach Fleisch, sein Hang zur Gewalt und die Unfähigkeit, klare Grenzen zu ziehen, eine vorübergehende Konzession nötig machte. Einen Kompromiss brauchte, um das Ideal des Vegetarismus mit der Fleischeslust des Menschen in Einklang zu bringen. Und dieser Kompromiss sah vor, dass der Genuss von Tierfleisch zwar erlaubt, aber mit einer Reihe von Einschränkungen versehen wurde.

Die Grenzen sind klar gezogen: Das Blut des Tieres darf unter keinen Umständen konsumiert werden, da es als Sitz der Seele gilt. Außerdem stellen die Kaschrut-Gesetze sicher, dass die Zahl der zum Verzehr erlaubten Tiere massiv eingeschränkt wird. Und dass eine möglichst humane und schmerzlose Schlachtung der Tiere erfolgen muss. Und dass eine Abscheu vor dem Blutvergießen kultiviert wird. Und dass wir uns bewusst sein sollen, dass es sich bei dem Tier um ein fühlendes Lebewesen handelt, ein Geschöpf Gʼttes, das für unser Wohl sein Leben lassen muss.

Als der Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer gefragt wurde, ob er wegen seiner Gesundheit Vegetarier sei, antwortete er: »Nein, wegen der Gesundheit der Tiere.« Nicht ohne Grund sprechen wir vor dem Genuss von Fleisch im Gegensatz etwa zu Brot, Wein, Obst oder Gemüse keinen speziellen Segensspruch, sondern nur einen allgemeinen. Denn wir danken nur für solche Nahrungsmittel mit einem eigenen Segen, die uns nicht dazu zwingen, ein anderes Lebewesen zu töten.

Auch die mittelalterlichen Rabbiner Joseph Albo und der Arbabanel sahen im Vegetarismus eine ideale Lebensweise. Dabei standen bei ihnen allerdings keine Tierschutzgedanken im Vordergrund, sondern die Sorge, dass der Mensch durch das regelmäßige Töten von Tieren verroht. Die Rabbiner nahmen an, dass selbst beim Schächten negative Anlagen wie Grausamkeit oder Blutdurst gefördert werden.

Gleichzeitig sahen sie die Gefahr, dass der Mensch dem Tier zu ähnlich wird. Dass die Grenze verwischt und die Heiligkeit menschlichen Lebens relativiert wird. Weshalb ein Kompromiss unausweichlich schien.

Laut Rabbiner Benno Jacobs war die Erlaubnis, Tiere zu töten, um ihr Fleisch zu essen, deshalb nötig, um klarzumachen, dass ein Menschenleben als heilig geachtet werden solle. Die Tora halte so die Mitte zwischen Kannibalismus und Hinduismus, für den das Tierleben noch heiliger sei als das Menschenleben.

All das ändert aber nichts daran, dass das ursprüngliche Ideal weiterhin existiert. Der Prophet Jesaja etwa verheißt, dass in der messianischen Zeit der ursprüngliche, paradiesische Zustand des Einklangs von Mensch, Tier und Natur wiederhergestellt wird. Das vegetarische Ideal ist damit zwar aufgeschoben, aber nicht aufgehoben.

Doch Moment: Was ist dann mit den Opferriten? Wie passen die ins Bild? Schließlich sollen diese dereinst wieder reaktiviert werden? Es heißt doch, dass der Opferdienst wiederaufgenommen wird, wenn der Messias kommt und der dritte Tempel in Jerusalem gebaut wurde? Doch eins nach dem anderen. Wenn es nach Maimonides, dem größten Religionsphilosophen des Mittelalters, geht, handelte es sich nämlich auch bei den Tieropfern um einen Kompromiss.

Der Rambam meinte nämlich, dass die Tieropfer vor allem ein Zugeständnis an die Riten heidnischer Völker gewesen seien, die das Judentum nicht von heute auf morgen habe abschaffen können. Sie waren der Mittelweg zwischen der Praxis der nichtjüdischen Umgebung und der Wahrung jüdischer Ideale. Dabei wurden Art und Anzahl der Opfer im Vergleich zu den anderen Kulturen massiv eingeschränkt und auf den Dienst im Tempel reduziert. Das bedeutet: Wenn schon opfern, dann nur an einem zentralen Ort und nur unter engen Voraussetzungen.

Wie das Ganze im dritten Tempel von Jerusalem und während der messianischen Zeit ablaufen soll, ist dabei allerdings völlig unklar. Vor allem gibt es eine Reihe von Rabbinern, die meinen, dass es dann gar keine Tier-, sondern nur noch Speiseopfer geben wird.

So etwa der frühzionistische Rabbiner Abraham Isaak Kook, der mit seinem Essay »Eine Vision von Vegetarismus und Frieden« außerdem ein kraftvolles Plädoyer für den Fleischverzicht lieferte. Doch auch hier lohnt ein zweiter Blick. Denn so sehr Rabbiner Kook den Vegetarismus propagiert, so klar macht er, dass die Verwirklichung dieses Ideals erst in ferner Zukunft vervollständigt werden kann.

Denn bevor wir alle Lebewesen lieb haben, müsste es darum gehen, anständig, gut und gerecht mit anderen Menschen umzugehen. Und solange wir dazu nicht in der Lage oder willens seien, müssten die Tiere warten. Oder anders ausgedrückt: Wir dürfen keine Abkürzung durch die Tierwelt nehmen, um uns unserer Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen zu entziehen. Das ändert aber nichts daran, dass der Vegetarismus ohne jeden Zweifel ein jüdisches Ideal ist.

Außerdem: Wer sagt denn, dass wir das eine nur auf Kosten des anderen tun können? Klar: Wenn es um eine Wahl zwischen Mensch und Tier geht, dann fällt das Ergebnis eindeutig zugunsten des Menschen aus. Aber das muss ja nicht heißen, dass wir auf dem steinigen Weg zu mehr Menschlichkeit und Nächstenliebe nicht auch nach einem vegetarischen Lebensstil streben können.

Denn auch, wenn der Messias noch nicht in Sicht ist, ist eines sicher: Die Tiere werden es uns danken!

Der Autor ist Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

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